Wer in der Praxisanleitung oder in der Ausbildungskoordination arbeitet, kennt vermutlich das Problem: Ausbildungsnachweishefte, die viel Arbeit erzeugen, aber am Ende vor allem eines liefern – Beurteilungsgrundlagen und Rahmendaten wie Einsatzstunden oder Fehlzeiten. Der eigentliche Lernmehrwert bleibt oft auf der Strecke.
Ich kenne das aus eigener Erfahrung gut: Wenn ein Curriculum vorgibt, welche Kompetenzen erreicht werden müssen, liegt es nahe, diese Formulierungen direkt zu übernehmen – so habe ich es selbst lange gehandhabt. Nur bleibt dabei häufig unklar, was das für den einzelnen Einsatz konkret bedeutet – weder Auszubildende noch Praxisanleiter:innen wissen dann immer genau, was als Lernergebnis oder Inhalt einzutragen ist. So kann aus einem Instrument, das eigentlich Lernen begleiten sollte, mit der Zeit wieder eine reine Abhakliste werden.
Das hängt mit einem Gedanken zusammen, der die generalistische Pflegeausbildung von Anfang an trägt: der Idee des selbstgesteuerten Lernens. Auszubildende setzen sich aktiv mit dem auseinander, was sie im Einsatz erlebt haben, statt nur Vorgaben abzuarbeiten – sie reflektieren und benennen selbst, was sie gelernt haben. Im Alltag ist davon oft wenig übriggeblieben, aus den nachvollziehbaren Gründen, die oben beschrieben sind. Genau da probiere ich gerade etwas Neues aus.
Ein strukturiertes Lerntagebuch statt Kompetenzliste
Ich habe lange als Praxiskoordinator gearbeitet, bevor ich in die Dozententätigkeit für Praxisanleitung gewechselt bin. In dieser Zeit habe ich den Start der Generalistik als Schule aktiv mitgestaltet – zuständig für die Praxisbegleitung seitens der Schule, für Prüfungen und Sichtstunden, und eben auch für die Ausbildungsnachweishefte. Diese Kombination – die Praxisbegleitung von innen mit all ihren organisatorischen Zwängen, und der Blick aus der Dozentenrolle darauf, wie Praxisanleiter:innen mit genau diesen Instrumenten im Alltag tatsächlich arbeiten müssen – begleitet mich bis heute, wenn ich an solchen Themen arbeite.
Für den Psychiatrie-Einsatz ist daraus ein strukturiertes Lerntagebuch entstanden, das genau an diesem Problem ansetzt: Die Auszubildenden halten selbst fest, was sie im jeweiligen Einsatz tatsächlich beobachtet und gelernt haben – statt nur Kompetenzcodes abzuarbeiten.
Die Richtung ist dabei bewusst umgekehrt zum klassischen Muster: Nicht “das habe ich in der Schule gelernt und übe es jetzt in der Praxis”, sondern “das habe ich in der Praxis beobachtet und gelernt – das möchte ich vertiefen.” Die Praxis ist der Ausgangspunkt, nicht die Anwendung von etwas Vorgegebenem. Entsprechend lässt sich das Festgehaltene auch im Nachhinein aufgreifen und weiterbearbeiten, statt einmal notiert und abgehakt zu sein.
Kompetenzcodes bleiben erhalten, weil sie curricular notwendig sind – aber sie werden zur Randnotiz, nicht zur Struktur. Im Vordergrund stehen konkrete, aus der Praxis kommende Fragen. Das klingt banal, verändert aber die gesamte Erlebbarkeit eines Nachweisheftes.
Die Rolle der Praxisanleitung bewusst leicht halten
Praxisanleiter:innen sind im Stationsalltag ohnehin stark eingebunden. Instrumente, die von ihnen aktive inhaltliche Mitarbeit an jeder einzelnen Stelle verlangen, werden in der Praxis meist nicht in der gedachten Qualität genutzt – nicht aus Unwilligkeit, sondern aus Zeitmangel.
Die Verantwortung für das Festhalten des Gelernten liegt deshalb klar bei den Auszubildenden, während die Praxisanleitung eine plausibilisierende, bestätigende Rolle einnimmt: kurz gegenlesen, einordnen, bestätigen – nicht selbst formulieren oder vorgeben.
Nicht nur Nachweis, sondern Orientierung
Ein einzelner Einsatz allein löst das Problem nicht. Der Psychiatrie-Bereich ist deshalb als erster Baustein eines größeren Vorhabens gedacht: ein Ausbildungsnachweisheft, das über die gesamte Ausbildungszeit hinweg mitwächst und am Ende einen echten Gesamtüberblick über den Ausbildungsweg jedes einzelnen Auszubildenden ermöglicht. Nicht lose Einsatz-Dokumente, sondern ein roter Faden.
Für mich persönlich ist das ein wichtiger Teil guter Praxisbegleitung: nicht nur Nachweis erbringen, sondern Orientierung geben – für die Auszubildenden selbst und für die Praxisanleiter:innen.
Ich vermute, dass ähnliche Fragen auch anderswo eine Rolle spielen: zu abstrakte Nachweishefte, überlastete Praxisanleitungen, ein fehlender Überblick über die gesamte Ausbildungszeit. Vielleicht erkennt sich die eine oder andere Pflegeschule oder Praxisanleitung darin wieder.
Wie das Lerntagebuch im Detail aufgebaut ist – und wie Dokumentation und Reflexion darin zusammenspielen – dazu mehr im nächsten Beitrag.
